Veröffentlicht in der "Schlesischen Bergwacht", April 2009.
Eingereicht von Herrn Karl-Heinz Drescher

Krummhübel vor 65 Jahren

von Karl-Heinz Drescher, Leipzig

Mörderische Diplomaten, unter diesem Titel erschien in der Süddeutschen Zeitung Nr. 251, vom 28. Oktober 2008, eine Rezension zu dem Buch "Braune Diplomaten". Autor des Buches ist Sebastian Weitkamp, geboren 1973, ein deutscher Historiker.



Krummhübel im Riesengebirge
Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung.

Im Mittelpunkt steht die Frage der Mitverantwortung des Reichsaußenministeriums / Auswärtiges Amt am Holocaust.

Lange hielt sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Legende, das Auswärtige Amt (AA) sei während der NS-Zeit ein Hort des Widerstandes gewesen. Für seine Studie "Braune Diplomaten" hat sich der Autor die Biografien und Karrieren zweier typischer Vertreter der jungen NS-Diplomatengarde, Horst Wagner und Eberhard von Thadden, vorgenommen und damit einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung über die NS-belastete Geschichte des AA veröffentlicht.

Zu dem Beitrag in der Zeitung, sozusagen als optischen Mittelpunkt, wird ein Farbfoto von Krummhübel mit dem Hotel "Goldener Frieden" im Vordergrund und der Schneekoppe im Hintergrund veröffentlicht.



Hotel "Goldener Frieden".
Beliebter Treff der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes (AA).

Heimatfreundin Marianne Bertram, die langjährige Heimatbetreuerin von Steinseiffen, hat mir freundlicherweise diesen Zeitungsausschnitt zugesandt, gleichzeitig mit der Bitte um Aufklärung.

Welche Gemeinsamkeiten verbinden nun Farbfoto, Auswärtiges Amt und Holocaust?

Die "Antijüdische Auslandsaktion" unterstand Horst Wagner, dem persönlichen Verbindungsmann zwischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und SS-Chef Himmler; der schon erwähnte "Judenreferent" des AA, Eberhard von Thadden, war Wagners Stellvertreter. Im Januar 1944 schlug Wagner eine Konferenz vor, an der sowohl Vertreter der Auslandsmissionen, wie auch die "Arisierungsberater" der SS in den besetzten Ländern Europas teilnehmen sollten. Ziel war es, Absprachen zur weiteren "Judenpolitik" und deren propagandistische Absicherung zu treffen.

Ribbentrop und Himmler stimmten zu. Wegen der alliierten Bombenangriffe auf Berlin wünschte der "Reichsführer SS" allerdings, die Tagung außerhalb der Hauptstadt abzuhalten, ihn plagte die Sorge, dass bei einem "Unglücksfall" nicht alle Spezialisten gleichzeitig verlorengehen". Also wurde das auf Anfang April 1944 anberaumte Treffen ins Ausweichquartier des AA nach Krummhübel im Riesengebirge verlegt.

Die SS allerdings konnte ihre wichtigsten Leute wegen dringender Geschäfte nicht schicken. Adolf Eichmann, der Hauptorganisator des Holocaust in Himmlers SS-Imperium, hatte zwar schon telefonisch zugesagt, aber er und seine "Arisierungsberater" waren im Frühjahr 1944 voll und ganz mit den gerade anlaufenden Deportationen der ungarischen Juden nach Auschwitz beschäftigt.

Die Konferenz der "Judenreferenten" aus ganz Europa wurde damit praktisch zu einer internen Veranstaltung des Auswärtigen Amtes. Trotz der Absage der SS liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren weiter. Eine Mitarbeiterin der kulturpolitischen Abteilung, Missie Wassiltschikow, welche bereits in Krummhübel tätig war, notierte: "Freitag, 31. März: Fieberhafte Tätigkeit in der ganzen Abteilung. Anlässlich dieses wichtigen Ereignisses ist plötzlich sogar wieder Kohle herbeigezaubert worden; unsere Baracken sind praktisch zum ersten Mal in diesem Winter geheizt. Man könnte glauben, der Papst käme."

Am 03. April 1944 begann die Konferenz von Krummhübel in dem requirierten Skihotel "Sanssouci".



Der Tagungsort : Skihotel "Sanssouci".

Von den Wänden grüßten antisemitische Plakate die Teilnehmer, Broschüren ähnlichen Inhalts lagen aus. Außer den Vertretern der Berliner AA-Zentrale waren Diplomaten aus den Auslandsmissionen in Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Schweden, Türkei, Schweiz, Rumänien, Slowakei, Spanien und Portugal angereist, insgesamt rund 30 Teilnehmer. Aus Himmlers Imperium kamen lediglich zwei Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes und der Polizei-Attaché aus Sofia, ein hauptamtlicher SS-Führer. Da es an den Botschaften formal noch keine "Judenreferenten" gab, waren meist Kulturattachés erschienen, in deren Aufgabengebiet die "Judenpolitik" in der Regel fiel. Gleichwohl wurde das Treffen amtsintern immer als "Arbeitstagung der Judenreferenten" bezeichnet.

Professor Franz Alfred Six hielt den Eröffnungsvortrag über die "politische Struktur des Weltjudentums". Der SS-Oberführer hatte im "Reichssicherheitshauptamt" die "Weltanschauliche Forschung" geleitet und war im April 1943 zum Leiter der kulturpolitischen Abteilung im AA ernannt worden. Six erklärte den Anwesenden, der "Kraftquell" des gesamten europäischen Judentums läge im Osten. Damit sei es nun vorbei, denn "die physische Beseitigung des Ostjudentums entziehe dem Judentum die biologischen Reserven". Dabei wusste Six, wovon er sprach, als SS-Führer an der Ostfront hatte er im Sommer 1941 die Anfänge des Genozids an den Ostjuden vor Ort miterlebt.



Hotelveranda im Hotel "Sanssouci".

Dann ergriff Eberhard von Thadden das Wort. Der 34-jährige war seit einem Jahr offizieller "Judenreferent" in der Zentrale des Auswärtigen Amtes und über die Vernichtungspolitik des NS-Regimes bestens im Bilde. Laut Protokoll sprach von Thadden über die "antijüdischen Exekutivmaßnahmen" in Europa und betonte dabei die Notwendigkeiten der "Aussiedlung der Juden in die Ostgebiete", eine kaum verhüllte Umschreibung für Deportation. Von den aus ganz Europa angereisten Beamten verlangte von Thadden, jegliche Propaganda zu unterdrücken, die die deutschen Maßnahmen gegen die Juden behinderte. Die Kollegen sollten in ihren Einsatzländern vielmehr um Verständnis für die Judenpolitik werben und Berlin unterrichten, wie "verschärfte Maßnahmen gegen das Judentum" durchgeführt werden könnten.

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